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Zukunft des OX ist ernsthaft gefährdet

pdfBericht im Zofinger Tagblatt vom 14.04.2012

 

Juli Magazin #20 - Dezember 2011


OX. ORT GEPFLEGTER SUBKULTUR

von Günti Zimmermann

Ein Bollwerk ist er, der Zofinger «Ochsen». Optisch, ideologisch, kulturell. Und dennoch ist er auch nach 30 Jahren nicht dermassen gefestigt, dass er ein ruhiges Leben führen kann. Denn Kultur ist laut, eckt an, macht gar Angst…

OX. Kultur im Ochsen, der wilde Kulturverein in der Zofinger Altstadt, ist für die Bewohner der Thutstadt ein zwiespältiges Objekt: einerseits Ort der gepflegten Subkultur, andererseits aber auch Quelle subversiver Töne. Die Perspektive macht es aus. Jene der jungen, abenteuerlustigen und rastlosen Jugendlichen bewegen sich zwischen Tanzekstase, Konzerteuphorie und Flüssigernährung. Weit über 1500 Anlässe befriedigten in den letzten drei Jahrzehnten diese Bedürfnisse. Mal überzeugend, mal weniger. Immer aber etwas lockerer, unkommerzieller als bei den «grossen» Veranstaltern, die 1981 verhasste Kulturkapitalisten und deshalb ein willkommener «Ochsen»-Gründungsgrund waren, um gegen sie anzuwirken.

Für alteingesessene Zofinger kamen aus dem traditionellen Tanzsaal des Hauses hingegen subversive Töne. Genau so wie diese für die Ochsenaktivisten aus den Mündern ebenjener alteingesessenen Zofinger kamen: «Russenmafia», «Kommunistenpack», «Drogenhölle» – das Vokabular war stets simpel, aber erfolglos. Bis Neuzuzüger fanden, Kultur gehöre überall hin, ausser in deren Nachbarschaft. Seit sieben Jahren sind deshalb OX-Aktive, Nachbarn, Stadtbehörden, Regierungsrat und auch die Gäste rechtlich gefordert. Ist Kultur Lärm? Zofingen hat die Frage noch nicht abschliessend beantwortet, ein Konzertverbot ist nach wie vor zu erwarten.
Doch ist Kapitulation keine Option für das 30-köpfige OX-Aktivteam. Zu bedeutsam sind den 18- bis 40-Jährigen die Kulturwerte, die zu vermitteln, zu verbreiten es gilt. Von Metal bis Punk, Jazz bis Funk, HipHop bis Reggae. Ab Konserve oder direkt ab der 20m2-Bühne. Musik lebt und erhält am Leben! Auch wenn schliesslich sie es sein könnte, die beim Traditionsclub im Aargauer «wilden Westen» den Todesstoss ausführt. Doch sei an dieser Stelle versichert: Ochsen stossen zurück!


GÜNTI ZIMMERMANN IST IN ZOFINGEN REDAKTOR UND SEIT 1991 OX-MITGLIED, ABWECHSELND IN PRAKTISCH ALLEN FUNKTIONEN.

 

MUSIK IM ZENTRUM

Kolumne von Jane Wakefield

Sie jauchzen, sie reden und diskutieren, ausgelassen singen sie im Chor und tanzen dazu im Kreis. Das klingt nach viel Spass, nach Freude und Lebensfröhlichkeit.

Allerdings nicht für Werner S. nachts um 02:14 Uhr an der Pelzgasse in der Innenstadt. Für den «klingt» gar nichts mehr, da lärmts nur noch! Kerzengerade steht er im Bett. Schon wieder. Vorletztes Wochenende, letztes Wochenende, dieses Wochenende... wann hört das endlich auf? Und los geht die eingeübte Maschinerie: der Griff zum Telefon. Die Stadtpolizei ist mittlerweile auf Speicherplatz 3, noch vor Tante Liselotte, allzeit anwählbar. «Grüezi, do esch Schällebärg. Sie, jetzt goht das scho wieder los!»

Ein paar «Schellenberg» später und das Clubsterben beginnt. So geschehen in Bern, Probleme auch in Zofingen, St.Gallen und Genf in Sicht- beziehungsweise Hörweite und von vielen anderen Schweizer Städten ganz zu schweigen. Die Nachtkultur hat Mühe, ihren Platz im Stadtzentrum zu verteidigen. Rechts überholt von der urbanen Entwicklung steht sie schutzlos ausgeliefert den schön zusammengeführten Wohn- und Gewerbezonen im Weg. Da drin hat alles Platz, was vom braven Familienleben über die pädagogisch wertvolle Begegnungszone bis hin zu Arbeitsplätzen geht – nur nicht die ausgelassene Nachtkultur. Zu laut, zu dreckig, zu unangepasst. Kultur? Ja bitte, aber leise und adäquat. – Soll etwas los sein? Auf jeden Fall, aber gerne dann, wenn ich Zeit und Lust auf Entertainment habe. – Soll die Stadt lebendig sein? Klar, und wie wäre es nebst dem Italiener und dem Asiaten noch mit einem griechischen Restaurant...?

Das Stadtzentrum heisst doch deshalb Zentrum, weil man dort zusammenkommt. Schon in früheren Zeiten waren die Plätze und Gassen im Stadtkern die Orte, wo das gesellschaftliche Leben stattfand. Dort hielt die Bevölkerung die Märkte ab, inszenierte Spiele, machte Musik und feierte Feste. Wieso sollte das heute anders sein? Die Menschen sollen sich in der Mitte begegnen können, sich austauschen und gemeinsam fröhlich sein. An Konzerten treffen Generationen und Meinungen aufeinander: Musik verbindet und bewegt. Die Musikkultur darf darum nicht marginalisiert und an den Stadtrand oder gar hinaus in die Industriezonen gedrängt werden. Nein, sie muss in der gesellschaftlichen Mitte stattfinden – inklusive all ihrer Nebengeräusche – und als wichtiger Bestandteil des Stadtlebens akzeptiert und gefördert werden. Das bedeutet aber nicht ein bedingungs- und kompromissloses Clubleben ohne Rücksichtnahme, sondern ein friedliches und befruchtendes Nebeneinander von Wohnen, Arbeit und Kultur. Konzertclubs wie der OX (noch...) mitten in Zofingen oder das kurz vor der Schliessung stehende Sous Sol in der Berner Innenstadt sind wichtige Treffpunkte und Orte des Austausches. Ohne solche Lokale verliert eine Stadt ihre Vielfalt, ihre Lebendigkeit und Identität – um nicht zu sagen ihr Lebenselixier.


JANE WAKEFIELD IST GESCHÄFTS- UND PROGRAMMLEITERIN BEI DEN WINTERTHURER MUSIKFESTWOCHEN, CONFERENCE-LEITERIN BEI M4MUSIC UND VIZEPRÄSIDENTINDES DACHVERBANDES DER MUSIKCLUBS PETZI.

 

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